Hinter dem Bild

Hinter dem Bild

Hans-Rudolf Fitze

 

  • *23/4/1956 , Aarau
  • Schulen in Staufen , Lenzburg , Aarau
  • 1978–1983 Vorkurs , Ausbildung zum Zeichenlehrer , Lenz Klotz , Kunstgewerbeschule Basel.
  • 1986/1990 Eidg. Kunststipendium.
  • 1984 Stipendium der Ausserrhodischen Kulturstiftung.
  • 1994/95 Aufenthalt in Rom , Istituto svizzero di Roma.
  • 2008/2013 Werkbeitrag Basel-Stadt.
  • 2017 Werkbeitrag Aargauer Kuratorium.

 

Seit Jahren malt Hans-Rudolf Fitze eigenwillige Landschaften und Interieurs, die, in unreinen, opak aufgetragenen Farbtönen verfasst, industrielle Szenarien mit apokalyptischen Vorahnungen kombinieren. Die Thematik seiner Bilder besteht aus der erkennbaren Welt. Seine Bilder täuschen jedoch, denn ihr anscheinender Realismus-Häuser, Strassen, Eisenbahn, Mauer – wird bei näherer Beobachtung durch eine beunruhigende Fiktion ersetzt. Dieser ständige Kippmoment, wo das Vertraute in einer nicht logischen, fantastischen Zwischenwelt der Traumbilder fliesst, verunsichert und fasziniert den Betrachter zugleich.

Alle Gegenstände und Ansichten stammen aus Fitzes visuellem Erfahrungsschatz, seinem unmittelbaren sowie mittelbarem Seherlebnis in Form von Film, und Fernsehen. Durch seine Erfahrung schafft er, zum Beispiel, die Perspektiven eines Bergwanderers, die den Betrachter dazu zwingen, sich selber durch die Landschaft zu «bewegen». Eine einfache Reise durch Fitzes Interpretation der Welt gibt es nicht, denn Strassen führen in Berge hinein, eine enorme Mauer teilt die Landschaft und eine immer gleiche Hütte wiederholt sich mehrere Male innerhalb eines Bildes. Die Bilder irritieren, werden trotzdem vom Eindruck geprägt, dass die Gegenstände und ihre seltsamen, surrealen Zusammenhänge allegorisch und deswegen zu achten sind. Was sie genau bedeuten, bleibt ungreifbar in der Arbeit von Hans-Rudolf Fitze, denn sobald der Betrachter glaubt, das Symbolische entschlüsselt zu haben, erscheint ein weiteres Bild hinter dem sichtbaren.

Fitzes Bilder sind Fiktionen, die, wie Bühnen aufgebaut, alles ermöglichen. Die eher trübe Palette und die festen, schweren Flächen lösen sich in puzzleartigen, schwebenden Architekturteilen auf. Erstarrte, verdichtete Ansichten von z.B. Fabriken oder Wäldern führen in leere Bildteile, welche das Hyperreale seiner Arbeit steigern. Licht und Schatten spielen eine wichtige Rolle in der Konstruktion, in dem sie Atmosphäre und Ordnung im Bild schaffen. Gleichzeitig interessiert sich Fitze für das Plakative: die Bilder kommen vor wie eine Kombination aus utopischer Eisenbahnwerbung der 30er Jahre und den stimmungsvollen, symbolisch beladenen Arbeiten von Edward Hopper oder Stanley Spencer.

Monumentale, plastisch wirkende Menschen tauchen immer wieder auf. Durch ihre Präsenz wird die Stadt zu einer Bühne, worauf sich das Leben abspielt. Oft gibt Fitze eine Untersicht auf Menschen, wodurch sie intimer, aber auch bedrohlicher wirken. Die Figur bedeutet die Menschheit allgemein, das Selbst (auch für den Künstler stehend), sowie den Akteur im Bild begrenzenden Raum. Dass Raum und Körper Beide Illusion bleiben und trotzdem eine Innere Richtigkeit ausstrahlen, widerspiegelt Fitzes Versuch, der Welt nahe zu kommen, sie zu benennen und zu deuten und gleichzeitig zu erkennen, dass man eigentlich nicht nahekommen kann.

Das Fenster ist ein zentrales, formales und ästhetisches Konstrukt in Fitzes Arbeit, das sowohl den Raum der Beobachtenden mit den Traumperspektiven verbindet, und zugleich als Metapher für das Sehen und die Wahrnehmung steht. Die Widersprüche und Irritationen seiner Arbeit weiterführend, leiten die Fensterbilder den Blick in die Landschaft und bremsen ihn zugleich durch das Fensterkreuz. Das Fenster in Fitzes Arbeit steht für das Auge, wobei die vermeintliche Sicht nach Aussen auch die Sicht nach Innen, nach Assoziationen und Erinnerungen sein kann. Die Fenster schärfen die Konzentration des Beobachters. Wie ein Verfremdungseffekt, lenken sie die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Tatsache, dass die Malerei ein Konstrukt bleibt. In Atelier II erscheinen die gleichen Ansichten in den zwei Fenstern, das Fensterkreuz in Frühling oder Herbst verwandelt die Wiese in eine Postkartenansicht und in Ruine oder Neubau schaffen Kontrast zu der desolaten Industrieanlage im Hintergrund. In neueren Arbeiten wie Alter Ego und Mittelland schweben auf der Oberfläche Spielkarten und leere Textblasen, die die Räumlichkeit und die Vielschichtigkeit der Bilder auf die Spitze treiben.

Immer mit dem Risiko des Scheiterns spielend, meistert Hans Rudolf Fitze auf überzeugende Weise die Gratwanderung zwischen einem vermeintlich «reaktionären» malerischen Stil und einer individuellen Weltsicht, die sich unbeirrt allen modischen Tendenzen verweigert. Es scheint, als ob er die heutige Zeit mit alten malerischen Mitteln festhalten möchte. Seine einmalige Bildsprache, die Sehnsucht, die Freude an der Konstruktion von Bildern mit einem Hauch von Humor kombiniert, führt den Betrachter zu einer anderen Sicht der Dinge.

Felicity Lunn, 2009

 

  • Ausstellungen da und dort , u. A.:
  • 1992 Kunstmuseum Olten, Einzelausstellung .
  • 2002 Kunstmuseum Olten, mit Peter Brunner-Brugg .
  • 2009 Art-Etage, Biel, « Un tableau peut en cacher un autre » .
  • 2013 Kunsthalle Basel, «Warum ist Landschaft schön ?», Regionale 13 .
  • 2014 Werkbeiträge Kunsthalle Basel .
  • 2016 «Grüezi ! Bienvenue ! Welcome !», Künstler sehen die Schweiz, Kunstmuseum Olten .